2016

Wozu Kunst?


Unsere Gesellschaft ist in Aufruhr. Was wird aus dem »europäischen Projekt«, dem friedvollen Zusammenwachsen Europas? Wie werden sich die europäischen Gesellschaften angesichts etwa der aktuellen weltweiten Migrationsbewegungen verändern? Und wie können Künstler*innen diese Entwicklungen beschreiben, wenn nicht gar beeinflussen? Oder ist das überhaupt nicht die Aufgabe von Kunst?

Einer der wichtigsten Fürsprecher einer sozial und politisch engagierten Kunst war der Schriftsteller, Filmemacher und bildende Künstler Peter Weiss, der in diesem Herbst einhundert Jahre alt geworden wäre. Sein Roman »Die Ästhetik des Widerstands« bildet die Grundlage der Inszenierung »Unsere Gewalt und eure Gewalt« des kroatischen Theatermachers Oliver Frljic. In einer Serie von Lesungen stellen wir gemeinsam mit dem Deutschen Nationaltheater das Buch ausführlich vor und widmen dem Autor einen Filmabend sowie eine Gesprächsrunde. Der Künstler Krzysztof Wodiczko lässt sich von Weiss für eine interaktive Videoprojektion im öffentlichen Raum inspirieren. Weiss durchaus geistesverwandt ist »By Heart« von Tiago Rodrigues, eine beeindruckende Ode an die widerständige Kraft von Literatur.

Ob Kunst Modelle dafür liefern kann, wie Menschen unterschiedlicher Herkunft einander mit Respekt begegnen und voneinander lernen können, wollen wir mit dem ebenfalls in Kooperation mit dem DNT entwickelten internationalen Theaterprojekt »KULA – nach Europa« herausfinden. In »Evros Walk Water« mischen sich die Erzählungen geflüchteter Jugendlicher mit der Aufführung eines Musikstücks von John Cage. Dass (auch positive) Vorurteile das Zusammenleben nicht eben erleichtern, macht der israelische Choreograf Hillel Kogan in seinem gefeierten Stück »We Love Arabs« deutlich.
Wie sich Geschichte und Politik in den Körper einschreiben, untersucht das Künstlerduo Xiao Ke & Zi Han aus Shanghai. Das erfolgreiche Tanzensemble La Veronal aus Barcelona erweckt in »Siena« ein nächtliches Museum zum Leben. Die flämische Choreografin Lisbeth Gruwez stellen wir gleich mit zwei Arbeiten vor, die bisher noch nicht in Deutschland zu sehen waren: ihrem Solo zur Musik Bob Dylans und einem Duett über ein grundlegendes menschliches Gefühl – die Angst.
Dass Angst haben auch Spaß machen kann, zeigt das dänische Ensemble Teatret Gruppe 38 in seinem Familienstück »Keine Angst vor gar nichts« für Menschen ab acht Jahren, einem unserer zahlreichen Angebote für junge Zuschauer*innen. In einem Projekt des Kunstfests mit dem freien Jugendtheater stellwerk weimar entwerfen junge Erwachsene eine Gesellschaft der Zukunft. Mit dem akrobatischen Tanzstück »Gravitas« von Ofir Yudilevitch gehen wir in Schulen – und in die Stadt, wie auch mit neuen Arbeiten von Studierenden des Weimarer Studiengangs für Kunst im öffentlichen Raum, der Fotothek und dem Schlagquartett Köln.

Das Kunstfest lädt wie immer dazu ein, künstlerisches Neuland zu betreten: »GOETHE :: VOM VERSCHWINDEN« ermöglicht im Schießhaus eine besonders intensive Theatererfahrung auf den Spuren des großen Dichters. Unser Eröffnungskonzert »UN / RUHE« mit der Jungen Deutschen Philharmonie spannt einen Bogen von Richard Wagner über Alban Berg bis zur Musik der Gegenwart. Mit Sylvain Cambreling, Carolin Widmann, Ana Durlovski und Tänzerinnen und Tänzern von Sasha Waltz & Guests haben wir einige der Besten ihres Fachs in Weimar versammelt, um herauszufinden, wie sich Musik und Tanz im Konzertformat verbinden können.
Wozu Kunst? Kunst kann – unter anderem – uns anregen, unsere eigenen Haltungen zu überprüfen und zu formulieren. Sie kann uns ermutigen, Konflikte zu erkennen, sie auszuhalten und mit ihnen umzugehen. Das Kunstfest Weimar bietet hierfür zahlreiche Gelegenheiten. Wir wünschen Ihnen viele interessante Entdeckungen, Begegnungen und Gespräche und freuen uns auf ein ge- meinsames Kunstfest 2016!

Grussworte

Grußwort des Thüringer Ministerpräsidenten Bodo Ramelow

Seit seiner Neuausrichtung sorgt das Kunstfest Weimar Jahr für Jahr mit außergewöhnlichen Aufführungen und Programmen für Furore. Damit erreicht das Kunstfest ein breites Publikum. Auch das diesjährige Programm verspricht erneut spannende Kunstereignisse. Einen Schwerpunkt bildet der Autor Peter Weiss mit seinem Jahrhundertroman »Die Ästhetik des Widerstands«. Weiss' Rückblick auf die sozialen Verhältnisse während der Nazi-Herrschaft, das Thema Widerstand und die Befähigung zu Widerstand durch Kunst fordern noch heute den Geist von Weimar im Spannungsfeld zwischen Humanität und Barbarei heraus. Die Wiederaufarbeitung und Auseinandersetzung mit menschenunwürdigen Denkweisen und kriegerischen Verbrechen ist heute vor dem Hintergrund der Flüchtlingsströme wieder hochaktuell. Deshalb kann das Kunstfest Weimar mit dieser Auseinandersetzung und seinem Programm unserer heutigen Gesellschaft neue Impulse verleihen. Das Kunstfest Weimar steht vor allem für Internationalität. Auch in diesem Jahr beleben Künstler*innen aus aller Welt die Klassikerstadt und verdeutlichen damit, dass Thüringen ein weltoffenes Land ist. In diesem Sinne wünsche ich den Organisatoren und dem Kunstfest Weimar viel Erfolg und zahlreiche Besucher*innen aus nah und fern.

Grußwort des Oberbürgermeisters der Stadt Weimar Stefan Wolf

Liebe Freundinnen und Freunde des Weimarer Kunstfests, liebe Gäste unserer Stadt! Wieder hat sich das Team des Kunstfests Weimar unter Christian Holtzhauers Leitung mächtig ins Zeug gelegt: An 17 Festivaltagen wird es fast 30 verschiedene Projekte und Produktionen aus allen künstlerischen Genres an verschiedenen Orten unserer Stadt geben. Vom 19.8. bis zum 4.9. bekommen Sie ein künstlerisch und inhaltlich reiches Programm geboten, das ich Ihnen sehr ans Herz lege! Viele Projekte des diesjährigen Kunstfests wurden eigens für Weimar entwickelt oder erleben hier ihre deutsche Erstaufführung. Aber sie bleiben damit nicht in Weimar! Zum einen werden sie in weiteren europäischen Städten aufgeführt und vorgestellt, zum anderen wird in Deutschland und im Ausland über sie berichtet, sie werden besprochen und diskutiert – und tragen damit den Ruf Weimars wieder einmal weit über unsere Stadtgrenze hinaus. Die Internationalität des Kunstfests ist es, die den besonderen Charme des Festivals ausmacht. Ich freue mich über dieses in der jetzigen Form noch junge Eigengewächs daher natürlich sehr und empfehle es Ihnen dringend – Sie werden es nicht bereuen! Viel Freude wünscht Ihnen Ihr Stefan Wolf

Weimarer Sommer