2017

100 Jahre Kommunismus


Schon immer träumten die Menschen von einer besseren, gerechteren Gesellschaft. Der Kommunismus versprach, diesen Traum Wirklichkeit werden zu lassen. Mit der Russischen Revolution des Herbstes 1917, der »Großen Sozialistischen Oktoberrevolution«, wurde die kommunistische Idee erstmals in die Praxis umgesetzt. Mit den bekannten Folgen – für Russland, Europa und die Welt.

Als der Kommunismus um 1990 in Osteuropa von der Bildfläche verschwand, trauerte ihm kaum jemand nach. Zu gründlich hatte die politische Wirklichkeit die kommunistische Idee in Verruf gebracht. Die freie Marktwirtschaft in Verbindung mit der Demokratie schien sich als das beste aller Systeme durchgesetzt zu haben und präsentierte sich von nun an als alternativlos.

Doch ist die Welt gut, so wie sie ist? Müssen wir angesichts der weltweiten sozialen und ökonomischen Verwerfungen nicht dringend über Alternativen nachdenken? Hilft uns der Blick in die Geschichte, um eine Vision für die Zukunft zu entwickeln? Welche Gesellschaft wollen wir – und welche lieber nicht? Und wo, wenn nicht in Weimar, wo die Vergangenheit unmittelbar in die Gegenwart ragt, ließen sich solche Fragen diskutieren? Aus Anlass des 100. Jahrestags der Russischen Revolution begibt sich das Kunstfest Weimar 2017 mit internationalen Theater- und Tanzgastspielen, Konzerten, Ausstellungen, Lesungen, Gesprächen und einer Filmreihe auf Spurensuche: Müssen wir heute noch über die Revolution und vor allem den Kommunismus reden? Wie hat er die Menschen, die in seinem Einflussbereich lebten, geprägt? Und welche dieser Prägungen wirken bis in unsere Zeit nach?

Wie kommunistische Propaganda zu kulturellem Allgemeingut wurde, untersucht das dokumentarische Tanzstück »Red« der bekannten chinesischen Choreografin WEN Hui. Die Theatermacherin Sanja Mitrovic begibt sich auf die Suche nach dem Jugoslawien ihrer Kindheit, einem Land, das ebenso wie die DDR verschwunden ist. In seiner Inszenierung eines Romans von Viktor Pelewin zeigt der gefeierte russische Regisseur Maxim Didenko eine Gesellschaft im Umbruch, verzweifelt auf der Suche nach Sinn. Das in den 1990er Jahren entstandene rasante Tanzstück »Allee der Kosmonauten« von Sasha Waltz ist wie kaum ein anderes Bühnenwerk geprägt vom Geist der frühen Nachwendejahre.

Wer glaubt, der Kommunismus hätte in Weimar kaum Spuren hinterlassen, kann sich in zwei Stadtführungen vom Gegenteil überzeugen. Ein Konzert im alten Schlachthof versammelt einige der wichtigsten Protagonist*innen der alternativen Musikszene Weimars aus der Zeit der späten DDR. Gemeinsam mit Weimars Jugendtheater im Stellwerk bringt das Kunstfest Menschen aus drei Generationen auf die Bühne, um herauszufinden, welches Bild vom Leben in der DDR bis heute weitergegeben wird. Und die ACC Galerie zeigt neue Arbeiten von internationalen Künstler*innen, die sich von historischen und gegenwärtigen Revolutionen inspirieren ließen.

Über den Themenschwerpunkt hinaus ermöglicht das Kunstfest 2017 ein Wiedersehen mit guten Bekannten: Das Künstlertrio RAUM+ZEIT, das im vergangenen Jahr im Schießhaus ein intensives Theatererlebnis auf Goethes Spuren inszenierte, widmet sich nun Weimars ungeliebtem Dichter Lenz. Die Inszenierung »MALALAI – die afghanische Jungfrau von Orléans« mit Schauspieler*innen aus vier verschiedenen Kulturen knüpft dort an, wo »KULA – nach Europa« im letzten Sommer innehalten musste, weil einigen Künstlern die Einreise nach Deutschland verwehrt blieb.

Dass die Globalisierung auch ohne Europa voranschreitet, zeigt »Chinafrika. mobile« am Beispiel von Mobiltelefonen und entführt die Zuschauer*innen an weniger bekannte Orte Weimars. Das Projekt »Bewegtes Land« verlässt gleich ganz die Stadt, wenn es das Saaletal zwischen Naumburg und Jena für die Dauer eines Wochenendes in eine große Bühne verwandelt. Ein berührendes Tanzstück für die ganze Familie steht ebenso auf dem Programm wie ein opulentes Freiluftspektakel, mit dem wir das Kunstfest eröffnen.

Fast alle Produktionen des Kunstfests sind Uraufführungen oder Deutschlandpremieren. Sie machen den Besuch Weimars während der Festivalzeit zu einem einzigartigen Erlebnis. Die meisten dieser Arbeiten entstehen im Verbund mit engagierten Partnern, denen an dieser Stelle herzlich gedankt sei. Im Kunstfest zeigt Weimar, über welches Potential die Stadt verfügt, wenn die Kulturinstitutionen an einem Strang ziehen.

Ein Tor zur Welt aufzustoßen, Vergangenheit für unsere Gegenwart nutzbar zu machen, Menschen über das gemeinsame Kunsterlebnis miteinander ins Gespräch zu bringen – das sind die vordringlichsten Aufgaben des Kunstfests Weimar. Wir freuen uns auf die Auseinandersetzung.  

Christian Holtzhauer und das Team des Kunstfests Weimar

Grussworte

Grußwort des Thüringer Ministerpräsidenten und Schirmherrn des Kunstfests Weimar 2017 Bodo Ramelow


Seit 2014 präsentiert sich das Kunstfest Weimar in einem neuen Gewand und ist mittlerweile durch eine gelungene Kooperation de facto zur vierten Sparte des DNT avanciert. In Weimar, der traditionsreichen Kulturhauptstadt Thüringens, vor dem Hintergrund eines vielfältigen, ambivalenten und zum Teil höchst widersprüchlichen kulturellen Erbes, greift das Kunstfest immer wieder brisante Themen aus Geschichte und Gegenwart auf. Im Jahr des Reformationsjubiläums thematisiert das Kunstfest Weimar ein weiteres weltgeschichtliches Großereignis. Tatsächlich liegen nur 7 Tage, die Welten verändern können, zwischen einem halben Jahrtausend Reformation und 100 Jahren Russischer Revolution. Das Publikum erwartet nicht nur eine spannende Spurensuche nach dem Erbe der kommunistischen Idee und Praxis, sondern vor allem eine gelungene und erlebnisreiche künstlerische Umsetzung einer Thematik, die das 20. Jahrhundert nachhaltig prägte. Das Kunstfest reflektiert aktuelle künstlerische Tendenzen und Positionen und verarbeitet sie im Lichte politischer und gesellschaftlicher Veränderungen. Damit bleibt das Kunstfest seiner avantgardistischen Ausrichtung treu und ist zu Recht ein unverzichtbarer Bestandteil im Thüringer Festivalkalender.    


Grußwort des Oberbürgermeisters der Stadt Weimar und Schirmherrn des Kunstfests Weimar 2017 Stefan Wolf


Liebe Freundinnen und Freunde des Weimarer Kunstfests, liebe Gäste unserer Stadt! Das wohl wichtigste Festival für internationale Gegenwartskultur in Mitteldeutschland greift auch in diesem Jahr wieder zu großen thematischen Maßstäben: Im hundertsten Jahr nach der russischen Oktoberrevolution geht das Kunstfest auf die Spurensuche nach dem Erbe der kommunistischen Idee und Praxis. In Weimar, Symbolort nicht nur des klassischen Humanismus, sondern auch der janusköpfigen Moderne, fällt diese Spurensuche sprichwörtlich leicht. Denn es gibt so manche Orte in der Stadt, an denen sich die vor hundert Jahren von Russland ausgegangene historische Umwälzung zumindest zeitweise wirkungsmächtig manifestierte. Zu solchen Orten gehören etwa das Thälmann-Denkmal, die sowjetischen Ehrenfriedhöfe, ja selbst das derzeitige Rathaus mit seinem großen Foyer-Mosaik in sozialistischer Manier. Das Kunstfest Weimar erfährt auch in diesem Jahr wieder eine breite Unterstützung aus den Weimarer Institutionen. Ich bin dankbar, dass etwa das junge Theater im Stellwerk, die Bauhaus-Universität, die Universitätsbibliothek, das Deutsche Nationaltheater oder die ACC Galerie mit ihren Kunstfest-Kooperationen dazu beitragen, die Vielfältigkeit der Weimarer Kulturszene unter Beweis zu stellen. Ich wünsche dem Kunstfest viel Erfolg! Ihr Stefan Wolf
Weimarer Sommer