2018

Von Hochstaplern und Seiltänzern – wie das Bauhaus nach Weimar kam


Wie vielgestaltig, kompliziert und zugleich produktiv das Verhältnis von Kunst, Gesellschaft und Politik sein kann, zeigt kaum eine Epoche so deutlich wie die kurze Zeit der Weimarer Republik: Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs befindet sich Deutschland in einem gewaltigen Umbruch. Das Kaiserreich ist Geschichte. Die alte Gesellschaftsordnung ist noch nicht vollständig untergegangen, die neue noch nicht ganz da. Im Februar 1919 tritt in Weimar die Nationalversammlung zusammen, um der jungen Republik eine neue, eine demokratische Verfassung zu geben. Doch wie eine moderne und demokratische Gesellschaft tatsächlich funktioniert, weiß niemand so genau.

In dieser Zeit der Unordnung und der gesellschaftlichen Ungleichgewichte wird im Frühjahr 1919 ebenfalls in Weimar eine neue Kunstschule gegründet, das Bauhaus. Mit seiner neuartigen Auffassung von künstlerischer Lehre, dem erklärten Ziel, vor dem Hintergrund des Industriezeitalters Handwerk und Kunst miteinander zu versöhnen, und seinen künstlerischen Experimenten versucht es nicht weniger, als dem gesellschaftlichen Chaos Ordnung, Struktur und Klarheit entgegenzusetzen. Auf politische Erhitzung reagiert es mit ästhetischer Abkühlung. Es begreift seine Arbeit als ein Ringen um Fortschritt und Modernität – in der Kunst und in der Gesellschaft.

Das Kunstfest Weimar eröffnet bereits in diesem Jahr den Reigen der Feierlichkeiten zum bevorstehenden 100. Bauhaus-Jubiläum. Als programmatisches Leitmotiv dienen dabei zwei Figuren, die den Zustand der jungen Weimarer Republik auf besondere Weise zum Ausdruck bringen: der Hochstapler und der Seiltänzer. Beide verfügen über eine Eigenschaft, die für das Überleben in jenen Jahren von großem Vorteil ist: Furchtlosigkeit. Sie symbolisieren zugleich auf besondere Weise, dass sich das Leben in der Moderne zwischen Aufstiegschancen und Abstiegsängsten abspielt. Sie sind Produkte und Symbole einer Gesellschaft, die sich ihrer eigenen Ordnungsprinzipien nicht sicher ist und die verzweifelt um ihr politisches und gesellschaftliches Gleichgewicht ringt.

Im Zentrum des Festivalprogramms steht die von Janek Müller zusammengestellte und auf drei Orte verteilte Ausstellung »Wie das Bauhaus nach Weimar kam. Ein Archiv von Hitze und Kälte«. Sie zeigt nicht nur verblüffende und originelle Dokumente aus der Gründungsphase der neuen Kunsthochschule, sondern begreift das Bauhaus auch als Inspirationsquelle für heutige Fragen. Begleitet wird die Ausstellung von mehreren Gesprächsrunden, einer Filmreihe, einem Figurentheaterstück zum politischen Streit um das Bauhaus und vielen weiteren Veranstaltungen. Sie bilden den Auftakt für eine zwei Jahre währende künstlerische Auseinandersetzung mit dem Bauhaus und seinem Erbe, die im Kunstfest 2019 ihren Abschluss finden wird.

Zu den Motiven Hochstapler und Seiltänzer, zum frühen Bauhaus und seinem Erbe lassen sich auch alle anderen Programmpunkte, seien es Theateraufführungen oder Ortserkundungen, internationale Gastspiele oder Kunstprojekte im öffentlichen Raum, mal direkt, mal um die Ecke gedacht in Beziehung setzen.

Wie immer beginnt das Kunstfest mit einem großen Spektakel unter freiem Himmel. Die Angebote für Kinder und Familien haben wir erweitert, etwa um eine akrobatische Zirkusaufführung aus Frankreich. Und Abend für Abend lädt der Künstlergarten neben dem – nun ehemaligen – Bauhaus-Museum zu kostenlosen Konzerten ein.

Das Kunstfest 2018 ist zugleich unser letztes. 2014 waren wir angetreten, das traditionsreiche Festival neu zu erfinden. Offen für alle Künste sollte es sein, internationaler und gleichzeitig stärker auf die Stadt zugehen. Die große Resonanz auf unsere Programme hat gezeigt: Das Kunstfest ist aus Weimar, ja aus ganz Thüringen nicht wegzudenken.

Wir bedanken uns bei allen Menschen, die uns in den vergangenen fünf Jahren wohlwollend und kritisch begleitet und unterstützt haben. Und natürlich bei Ihnen, unserem Publikum. Unseren Nachfolger*innen wünschen wir viel Erfolg. Bevor wir jedoch den Staffelstab weitergeben, freuen wir uns noch einmal auf außergewöhnliche künstlerische Erfahrungen und spannende Begegnungen im Kunstfest 2018. Feiern Sie mit uns – und bleiben Sie dem Kunstfest treu!

Christian Holtzhauer und das Team des Kunstfests Weimar

Grussworte

Grußwort des Thüringer Ministerpräsidenten und Schirmherrn des Kunstfests Weimar 2018 Bodo Ramelow

Nach dem »Neustart« im Jahr 2014 erlebt das Kunstfest Weimar in diesem Jahr ein eindrucksvolles Finale unter der Leitung von Christian Holtzhauer. Das Kunstfest Weimar präsentierte sich in dieser Zeit nicht nur in einem neuen Gewand, mittlerweile ist es zur vierten Sparte des DNT avanciert. Sein Markenzeichen ist die künstlerische Aufarbeitung und Darstellung brisanter Themen aus Geschichte und Gegenwart. Wie in einem Brennglas spiegelt das Kunstfest damit das vielfältige, ambivalente und zum Teil höchst widersprüchliche kulturelle Erbe der Kulturhauptstadt Thüringens sinnbildlich für unsere Nation wider. Das Kunstfest greift die Jubiläen des Bauhauses und der Weimarer Republik thematisch auf, um die Verbindung zwischen politischen und gesellschaftlichen Umbrüchen mit gleichzeitigen künstlerischen Aufbrüchen zu thematisieren.

Das Publikum erwartet eine spannende Auseinandersetzung mit den stilprägenden Ideen des Bauhauses für die Gestaltung der Zukunft. In diesem Sinne verwandeln junge kreative Künstlerinnen und Künstler die Klassikerstadt in eine inspirierende und pulsierende Bühne. Das Kunstfest Weimar reflektiert aktuelle künstlerische Tendenzen und Positionen und verarbeitet sie im Lichte politischer und gesellschaftlicher Veränderungen. Mit dieser avantgardistischen Ausrichtung bleibt es ein unverzichtbarer Bestandteil im Thüringer Festivalkalender.

Bodo Ramelow
Ministerpräsident des Freistaats Thüringen

 

Grußwort des Oberbürgermeisters der Stadt Weimar und Schirmherrn des Kunstfests Weimar 2018 Stefan Wolf

Liebe Freundinnen und Freunde des Weimarer Kunstfests, liebe Gäste unserer Stadt!

Nach fünf Jahren endet mit dem diesjährigen Kunstfest die Ära Christian Holtzhauer in Weimar. Ich bedauere diesen Weggang sehr, hat Christian Holtzhauer doch mit seinem neuen, partizipativen Ansatz viele Menschen auch abseits der üblichen Kunstszene angesprochen und manche nach Weimar geholt, die zuvor mit dem Festival ein wenig fremdelten. Seinen Nachfolger, Rolf C. Hemke, begrüße ich in Weimar auf das Herzlichste und wünsche ihm ein ebenso gutes Gelingen in unserer Kulturstadt!

Beim letzten »Holtzhauer-Kunstfest« werden wir sicher wieder eine Vielzahl von überraschenden Momenten erleben. Der 100-jährige Geburtstag des in Weimar gegründeten Bauhauses im kommenden Jahr gibt diesmal den Themenrahmen vor. 17 Festivaltage werden uns in zuweilen ungewöhnliche Welten führen, deren Intensität das Weimarer Kunstfest zu dieser besonderen Veranstaltungsreihe werden ließ. Der gesellschaftliche und ästhetische Balanceakt, in dem sich das Bauhaus bewegte, soll sich im diesjährigen Programm widerspiegeln. Ich bin sehr gespannt, wie die nationalen und internationalen Künstlerinnen und Künstler sich diesem Thema widmen, das vom kleinen Weimar aus fast die gesamte Welt auf vielfältigsten Ebenen erreichte.

Viel Freude beim Kunstfest 2018!

Ihr Stefan Wolf

Europäische UnionWeimarer Sommer