Über uns

Konzeptionelle Gedanken zum Programm 2021

Letztes Jahr zwang uns die Corona-Pandemie das Festival kurzfristig umzuplanen — trotzdem fand das KUNSTFEST 2020 analog statt — mit Ihnen und zahlreichen wunderbaren Künstler*innen! Im Sommer verspürten wir eine unglaubliche Erleichterung als Weimar aufmachen konnte. Wir dachten, es sei ein Ausnahmejahr, — doch dann kam der erneute Lockdown. Wieder bangte das Team, ob das KUNSTFEST 2021 stattfinden kann. Nun hoffen wir erneut, ein facettenreiches, zum Nachdenken anregendes aber auch unterhaltsames Programm entwickelt zu haben!
Inhaltlich knüpfen wir unter dem Motto »Bundesgeistesschau« an die beiden letzten Festivaleditionen an: Ein Thema, das uns umtreibt, ist der Zustand der offenen und demokratischen Gesellschaft, in der wir leben. Gerade Weimar als »Geburtsort« der ersten deutschen Demokratie ist im heutigen Bewusstsein auch mit deren Scheitern und der allgegenwärtigen Gefährdung einer freiheitlichen, demokratischen Grundordnung durch faschistische Provokation und Gewalt verbunden. Diesen gilt es unserer Ansicht nach auch heute wieder entgegenzuwirken, denn der freiheitliche Staat lebt immer von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann, wenn zu viele seiner Bürger*innen diese Werte nicht teilen. Mit dem dokumentarisch-performativen Reenactment »438 Tage NSU-Prozess — Eine theatrale Spurensuche« möchten wir den Diskurs über die Hintergründe und Folgen der rassistischen Morde des NSU und über rechtsextreme Strukturen in der Mitte der deutschen Gesellschaft wachhalten und weiterführen.
Auch die Auseinandersetzung mit Umweltthemen setzen wir in diesem Jahr vertieft fort. Unter dem Schlagwort »Nachhaltigkeit« steht nun insbesondere der Ressourcenverbrauch im lokalen wie im globalen Kontext im Fokus. Thematisiert werden die Abhängigkeiten bzw. die Wechselwirkungen von lokalem Handeln und globalen Lebensgrundlagen oder vice versa. Diese Spannung bildet sich nicht nur inhaltlich ab, sondern auch formal: Vom internationalen Gastspiel, bis zum partizipativen Skulpturenprojekt im öffentlichen Raum, setzen sich Projekte mit dem Schwerpunkt auseinander. Sie reflektieren nicht nur die Gegenwart, sondern richten den Blick auch auf mögliche Zukunftsszenarien.
Unsere Experimentierfreude kennt dabei keine Grenzen —wir spielen mit unterschiedlichen Ästhetiken und entwickeln ganz neue Formen: Von Tanz, Schauspiel, Oper über Konzerte zwischen Klassik und Moderne, Jazz und Pop, bildende Kunst, Literatur und Film bis zur VR-Performance, zum Live-Hörspiel und diskursiven wie partizipativen Formaten ist alles zu erleben.
Gleichzeitig begeben wir uns auf die Suche nach sicheren Orten der Begegnung, wir spielen Drinnen und Draußen: vom Park an der Ilm und dem Open Air am e-werk über die Spielstätten des DNT inklusive der Redoute, der Nietzsche-Gedächtnishalle, das Wimaria-Stadion bis zur Lagerhalle der Ehringsdorfer Brauerei entstehen Spielorte in ganz Weimar. Und darüber hinaus wird das Performance-Projekt mit zugehörigem Ausstellungsreigen »Thüringen — Die ganze Wahrheit« bis in die entlegensten Winkel Thüringens reisen.
Auch wenn das KUNSTFEST fest in Thüringen verwurzelt und uns die Vernetzung mit lokalen Künstler*innen und Partner*innen wichtig ist, freuen wir uns ungemein, in diesem Jahr wieder viele internationale Gäste begrüßen zu können! Unsere Gastkünstler*innen und Kompanien kommen aus der ganzen Welt: Von Taiwan über Indonesien, dem Libanon und Israel, vom Kongo bis Südafrika, von Uruguay bis zu den USA und aus ganz Europa — Frankreich, Belgien, England, Polen, Luxemburg, der Schweiz, Österreich, der Türkei und Spanien — wir heißen sie herzlich willkommen!
Es geht uns bei der Vielfalt an Projekten und Veranstaltungen gerade nicht darum, die eine Linie zu verfolgen oder Sichtweise zu präsentieren, sondern Schlaglichter auf ganz verschiedene Themen zu werfen. Wir verstehen die »Bundesgeistesschau« als Kaleidoskop, bei dem für jede*n Besucher* in ein eigenes schillerndes Bild entsteht, je nachdem welche Projekte er/sie sieht, wie sie sich spiegeln und zu einem Ganzen zusammensetzen. Doch sehen sie selbst — wir wünschen Ihnen viel Spaß und Freude am Entdecken!

Rolf C. Hemke
Künstlerischer Leiter

Marlies Kink
Gesamtproduktionsleiterin & Dramaturgin

Geschichte

Das Kunstfest Weimar, 1990 als eine der ersten deutsch-deutschen Kulturinitiativen gegründet, ist Thüringens größtes und bekanntestes Festival für zeitgenössische Künste.

Seit 2014 wird das Kunstfest vom Deutschen Nationaltheater Weimar ausgerichtet. Von 2014 bis 2018, unter der künstlerischen Leitung von Christian Holtzhauer, hat sich das Festival gegenüber allen Kunstformen geöffnet. Internationale und überregionale Tanz- und Theatergastspiele stehen ebenso auf dem Programm wie verschiedene Konzertformate, spartenübergreifende Projekte, Literatur, Film, bildende Kunst und Kunst im öffentlichen Raum. Viele Projekte entstehen im Auftrag bzw. unter Beteiligung des Kunstfests und erleben hier ihre Ur- oder deutsche Erstaufführung. Die Stadt Weimar ist Bühne, Thema und Hauptakteur des Kunstfests. Weimar – das sind mehr als 500 Jahre deutscher Geschichte auf engstem Raum. Wie zeitgenössische Künstler*innen produktiv mit dieser Geschichte umgehen können, ist eine zentrale Frage der Programmplanung.

In den ersten beiden Jahren des Bestehens des Kunstfests war Dr. Kari Kahl-Wolfsjäger Intendantin und übergab 1992 die künstlerische Leitung an Johannes Gross. Von 1993 bis 2001 wurde das Kunstfest unter der Intendanz von Bernd Kauffmann von der Stiftung Weimarer Klassik veranstaltet. In diese Zeit fiel auch das Kulturstadt Europa Jahr 1999. 2002 wurde das Kunstfest von Ralf Schlüter geleitet und 2003 von Hellmut Seemann, dem Präsidenten der Klassik Stiftung Weimar. Von 2004 bis 2013 prägte Nike Wagner das Programm des Kunstfests Weimar, das während dieser Zeit den Namen »pèlerinages« trug und sich in erster Linie als Musikfestival definierte.

Das Kunstfest ist heute, ein vielseitiges und lebendiges Festival, das mit seinem umfangreichen und vielseitigen Programm die Bewohner*innen Weimars gleichermaßen anzusprechen vermag wie die zahlreichen Gäste der Stadt. Seit 2018/19 ist Rolf C. Hemke der neue künstlerische Leiter.